Auf dem Frachtschiff über den wilden Amazonas

Klingt erstmal komisch…Ist es auch. Von den umwerfenden Palmen sind wir erst zurück nach Bogotá geflogen. Der kürzeste Flug den wir je hatten. 36 Minuten. Wir fragen uns ob sich das für die Fluggesellschaft lohnen kann und ob wir der Umwelt schlechtes tun, wenn wir mitfliegen. Allerdings würde der Bus würde zehn Stunden anstatt 36 Minuten fahren. Aber zurück zum Thema.

Nach einem kurzen Zwischenstopp ging es weiter nach Leticia. Leticia liegt mitten im Amazonasbecken und ist nur per Flugzeug und Schiff erreichbar. Die nächste Straße ist ca. 600km weit entfernt. Man ist also noch in Kolumbien, kann aber über den Fluss nach Santa Rosa Peru fahren und zu Fuß nach Tabatinga in Brasilien laufen.

Erstmal haben wir uns um unsere Reise mit dem Frachtschiff gekümmert. Das lief alles viel einfacher als gedacht. Wir sind nämlich zum Immigrationsbüro am Hafen von Leticia und dort erklärte man uns, dass man dort sowohl den Ausreisestempel von Kolumbien sowie den Einreisestempel von Peru bekommt. Allerdings mussten wir vorher erfragen wann welches Schiff fährt mit dem wir fahren möchten. Als wir aus dem Büro raus sind sagte uns ein Einheimischer, dass am Hafen von Santa Rosa ein Frachtschiff steht, er aber nicht weiß wann es abfährt. Er könne uns aber hinfahren und wir können dort fragen. Gesagt, getan. Tatsächlich stand dort ein Schiff. Etwas in die Jahre gekommen und leicht verbeult, aber naja…Dort steht halt keine Aida.

Nach ein bischen balancieren, klettern und fast in den Amazonas fallen, waren wir auch schon auf dem Schiff. Wie das wohl mit Gepäck funktioniert fragten wir uns. Als wir auf der Ladefläche des Kutters standen kam sofort der Kapitän angerannt und freute sich wie Bolle, dass wir Interesse haben mitzufahren. Er zeigte uns sofort sein komplettes Schiff, erklärte uns das er morgen um 12 Uhr mittags abfährt, die Fahrt von insgesamt zwei Tagen und zwei Nächten 80 Soles (ca.21,50€) kostet und wir gerne zusteigen können. Wir haben übrigens warum auch immer nur 60 Soles (also ca. 16,50€) bezahlt. Er war uns so sympathisch und das Schiff hat uns auch zugesagt. Also wir haben es an zwei Dingen festgemacht. Erstens, der Kapitän war verdammt nett und vertrauenswürdig und zweitens, gaaaanz wichtig…Der Kiosk an Bord hat kaltes Bier. Da war die Entscheidung schnell gefallen, zumal wir auch nicht genau wussten wann das nächste Schiff fährt.

Wieder zurück in Leticia haben wir dann erstmal unser Hostel um eine Nacht verlängert und haben noch ein paar Dinge erledigt. Wir sind rüber nach Brasilien gelaufen um uns unser Schlafgemach für den Kutter zu kaufen. Zwei Hängematten, kosteten ganze 9€. Dann haben wir uns noch etwas Proviant wie Müsliriegel, Snacks, Tunfisch, Wasser etc. gekauft und mussten uns noch unsere Stempel abholen. Ausreise aus Kolumbien, 5 Minuten. Einreise in Peru am Fenster nebenan 2 Stunden. Weil das System nicht funktionierte. Nach ca. 2 Stunden haben wir nochmal nett gefragt. Der Beamte meinte ja ok dann machen wir das eben anders. Holt sein Handy raus, telefoniert und schickt danach unsere Daten aus dem Pass per WhatsApp irgendwohin. Wartet ein paar Minuten auf eine Antwort, stempelt unseren Pass und sagt: „Bienvenidos en Peru“. Muchas gracias amigo. Also hatten wir alles für das wilde Abenteuer erledigt.War schon alles aufregend und wir waren tatsächlich etwas nervös, aber auch total gespannt. Dienstag morgen gegen halb zehn sind wir dann voll bepackt zum Hafen um uns zum Kutter fahren zu lassen.

Abenteuerlich auf so ner kleinen Nussschale mit all dem Zeug. Naja dauert zum Glück nur 5 Minuten und wir standen vor der „La Gran Loretana 2“, unserem zu Hause für die nächsten Tage. Die unteren beiden Decks waren für Ware und die oberen beiden zur freien Verfügung. Man hängt also seine Hängematte dorthin wo man möchte. Erstmal suchten wir uns ein Plätzchen. Gar nicht so einfach. Wir wollten nach Möglichkeit etwas Ruhe, nah an die Toiletten, jedoch nicht so nah das es richen könnte, weit weg vom Motor…Letztendlich haben wir uns für das obere Deck im hinteren Bereich entschieden. Alle Kriterien erfüllt. Wir waren sogar die ersten hier.

Das Deck darunter war kurze Zeit später komplett voll. Liegt wohl daran, dass man unten etwas Wettergeschützter ist. Das obere Deck ist quasi komplett auf und wird vor Regen und Wind nur mittels einer Plastikplane geschützt. Plötzlich um 11:58 Uhr starten die Motoren. Wir sind vom Glauben abgefallen. Pünktlichkeit sind wir nicht mehr gewohnt und hätten 100€ verwertet das wir erst Stunden später ablegen. Falsch gedacht. Punkt 12 Uhr bewegt sich der Kutter und fährt los. Das war unser Zeichen unser erstes peruanisches Bier zu trinken. Wir hatten traumhaftes Wetter. Blauer Himmel, brühend heiß und fuhren durch den Dschungel. Die ersten Stunden saßen wir nur da und haben raus geschaut.

Innerhalb kurzer Zeit sahen wir die bekannten rosa Flußdelfine und unzählige knallbunte Vögel. Man fährt immer wieder an winzigen Dörfern vorbei und sieht die winkenden Bewohner. Manche leben in unglaublich einfachen Verhältnissen und leben wohl von den Frachtschiffen. Sie halten beispielsweise Fische hoch und werfen sie einfach auf’s Schiff wenn man Interesse hat. Im Gegenzug wirft man das Geld oder andere Lebensmittel . Alles während der Fahrt natürlich. Einmal war es ein ca. 5 jähriger Junge der total präzise vier Fische auf unsere Ladefläche warf. Unglaublich.

Langsam ging die Sonne unter und wir müssen sagen, dass war wahrscheinlich der schönste Sonnenuntergang den wir je gesehen haben. Unglaublich was für Farben hier am Himmel entstehen.

Danach ist es dunkel…Richtig dunkel. Man sieht einfach nichts außer unendlich viele Sterne. In dieser Nacht hat der Kutter ca. alle 15 Minuten angehalten. Mal in einem kleineren Ort und mal einfach so mitten im Busch, weil jemand ein oder aussteigen möchte, oder weil Ware be,- oder entladen wird. Viel Schlaf an einem Stück gibt es also nicht wirklich. Außerdem hat es geschüttet und Gewittert. Davon hat man aber glücklicherweise nicht allzu viel mitbekommen. Apropos be,- und entladen…Hier wird alles mitgenommen…Wirklich ALLES!!!
An Bord sind, wie wir zumindest gesehen haben, ca. 1000 Hühner, Schweine, verrostete Kühlschränke, Leergut, ein riesiges Stromaggregat, vier riesige Bullen, Bananenkisten, Wellbleche, Ziegelsteine und und und.

Es war ein einmaliges Erlebnis wie die ganze Ware aufgeladen wurde…Vorallem die Bullen und das Stromaggregat. Hier gibt es keinen Kran. Alles wird per Hand aufgeladen, auf Holzplanken. Es gibt allerdings einen Flaschenzug. Der zieht dann z.B. einen Kühlschrank von einer Nussschale hoch, wenn ihn einer bringt. Wirklich einmalig. Allein dafür hat sich diese Tour gelohnt.

Achso noch zu dem Boot, weil viele meinten es wäre bestimmt versifft, unhygienisch, nicht sicher und voller Krankheiten. Das Schiff generell besteht zu 80% aus Stahl, 15% Rost und 5% Lack. Aber es schwimmt noch. Am besten war die Kabine vom Kapitän. Als wir das Ruder sahen mussten wir irgendwie an Pipi Langstrumpf und ihren Vater denken.

Die Duschtoiletten sind bestimmt nicht der Hit, werden aber alle zwei Stunden durch eine nette Putzfee gereinigt.

Die drei Mahlzeiten die inklusive sind, schmecken wirklich gut. Ist zwar nicht sooo viel, aber es wird einem in die Hängematte gebracht und das dreckige Geschirr wird sogar wieder abgeholt. Man müsste also quasi nur zum Bier holen aufstehen. Ach und wenn man zur Toilette muss natürlich.

Es gibt sogar Strom. Auf dem gesamten Deck wo zur Spitzenzeiten übrigens ca.40 Menschen in ihren Hängematten faulenzen, gab es ganze drei Steckdosen. Eine davon war glücklicherweise genau bei uns. Unser Nachbar Carlos aus Peru hatte ein Verlängerungskabel und wir haben uns dieses geteilt. Genauso wie Schokoriegel und Weingummi. Carlos kommt aus Santa Rosa und fährt jetzt mit zwei Frachtern und einem Bus insgesamt zwölf Tage nach Arequitos zur Arbeit. Zwölf Tage! Da sieht man mal wieder wir gut man es in der Heimat hat. Er erzählte uns er sei 40 Jahre alt, arbeitet als Saisonarbeiter und pflückt Trauben, Mandarinen etc., hat eine brasilianische Ehefrau und vier Kinder. Allerdings war Carlos auch minimal mysteriös. Am ersten Abend als es dunkel wurde, holte er drei Paar Frauenschuhe aus seinem Rucksack, bearbeitete diese bzw. versteckte irgendwas in den Absätzen und versteckte sie oben zwischen den Rettungswesten und erzählte irgendwas von einer Kontrolle. Wir dachten uns nur…WOW…Super Hängemattennachbar. Hoffentlich hat er uns nix in die Taschen gesteckt. Circa eine Stunde später, es war gegen 12 Uhr in der Nacht legten wir irgendwo an und alle Lichter gingen an. Zoll und Polizeikontrolle. Na Klasse. Sarah wäre aus Angst am liebsten über die Reling gehüpft. Sie war überzeugt Carlos benutzte uns als Drogenkurriere. Als die Polizisten auf unserem Deck waren, kamen sie gezielt auf uns zu gelaufen, sprachen Carlos an und wühlten oben zwischen den Rettungswesten rum. Alle drei Paar Schuhe haben sie gefunden. Anstatt zu prüfen warum er sie versteckt hat oder ihn zu fragen, haben sie ihm alle Schuhe gegeben und meinten er solle sie in seine Tasche packen. Ganz komisch. Da wir beide das Geschehen mit großen Augen bestaunen, kam der Polizist zu uns und wollte wissen wo wir eingestiegen sind und wo wir hinfahren. Dabei leuchtete er mit seiner Taschenlampe immer wieder in unsere Augen und auf unser Gepäck welches zwischen uns stand. Wir erklärten ihm das wir mit dem Frachter von Santa Rosa nach Iquitos fahren von dort durch Peru reisen um dann irgendwann wieder auszureisen. Er sah uns an fragte aus welchem Land wir kommen. „De Alemania“ sagte ich. Dann wünschte er uns eine gute Reise und alles Gute bevor er die Kabinen durchsuchte. Irgendwie eine ganz komische Nummer, auch wenn es im Nachhinein mal wieder zum lachen ist.

Wir waren übrigens die einzigen beiden Gringos auf dem Schiff. Das machte uns natürlich zum Hingucker.

Kinder schauten uns an als würden wir von einem anderen Stern kommen. Ihr müsstet mal die Mädels sehen so ca. im Alter zwischen 5-15 Jahren wenn Sarah sich ihre blonden Haare kemmt, oder sich einen Zopf macht. Sie starren mit großen Augen. Am letzten Abend ist eine Familie zugestiegen. Sie lagen uns genau gegenüber. Wir spielten ein Winkespiel. Die Kinder haben gewonnen, die haben nämlich nicht aufgehört zu winken. Ich glaube sie würden uns heute noch anstarren. Bei manchen Kindern oder Familien haben wir das Gefühl, dass sie zum ersten mal im Leben auf ein Schiff gestiegen sind und bei unserer Ankunft zum ersten mal eine richtige Stadt mit Geschäften, Bars und Infrastruktur sehen werden.

Ach unser Ziel Iquitos in Peru ist übrigens die weltweit größte Stadt welche nicht ans Straßennetz angeschlossen ist. Wie also auch schon Leticia, nur ist Iquitos um einiges größer. Hier waren wir nich eine Nacht bevor es mal wieder in den Flieger ging. Ziel ist die peruanische Hauptstadt Lima. Auch wenn wir dieses Ziel nur als Zwischenstop nutzen, um wieder in die Anden zu fahren. Wir finden diese Tour war ein wahnsinniges Erlebnis. Am Amazonas ist es wirklich so wie man es in den Reportagen auf N24 etc. sieht. Wir hoffen ihr seid genauso gespannt wie wir, wie es weitergeht.

Mit Peru sind wir dann inzwischen übrigens in Land Nummer 7. Wenn wir die Stunde in Brasilien dazuzählen sogar Nummer 8. Aber das lassen wir nicht gelten.

Bis Bald. Saludos aus Peru.

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